Petra-Mueller-FDP

10.11.2010

Schrumpfende Städte in Schweden und Deutschland

Berlin, den 10.11.2010 (Von Anna Lindvall) Mein Name ist Anna Lindvall. Ich komme aus Schweden und absolvierte für zwei Monate ein Praktikum im Büro von Frau Petra Müller. Zu Beginn meines Praktikums zog ich nach Berlin. Im Bundestag wollte ich mein Deutschkenntnisse verbessern und vor allem einen Einblick in die Arbeit des Deutschen Bundestages erhalten. Meine Zeit hier war wirklich interessant und eindrucksvoll! Das übergreifende Thema der politischen Arbeit von Frau Müller ist die Stadtentwicklung. So erhielt ich den Auftrag die Stadtentwicklungspolitik beider Länder zu vergleichen. Ich fokussierte mich auf die „schrumpfenden Städte“ – ein Phänomen das es sowohl in Deutschland als auch in Schweden gibt.

Warum schrumpfen die Städte?

In vielen Ländern und Regionen nimmt die Bevölkerung ab, da weniger Arbeit vorhanden ist, sich neu verteilt und/oder die Wirtschaft stagniert. Diese Entwicklung ist eng verbunden mit stillgelegten Industriezweigen und führt auch zu einem verringerten Angebot an Service in den Städten. Besonders junge Menschen zieht es in die Großstädte. Eine Tatsache, die Kleinstädte besonders hart trifft. In Deutschland liegen die Probleme überwiegend im Osten, wo seit der Wiedervereinigung eine dramatische Veränderung stattgefunden hat. In der postsozialistischen Hälfte Deutschlands, leiden viele Orte unter hoher Arbeitslosigkeit und einem Mangel an Arbeit. Die schnell aufgebauten Großsiedlungen mit den sogenannten Plattenbauten führten zu einem erheblichen Überschuss an Wohnungen. Serviceangebote mit Geschäften, Freizeitaktivitäten und Kultureinrichtungen nehmen stetig ab. Wenn einem diese Tatsachen und ihre Ursachen klar geworden sind, ist es nicht schwer zu verstehen, dass die demografische Veränderung, die zu schrumpfenden Städten geführt hat, ein großes Problem ist, das bundesweit beachtet wird.


Schweden und die Kleinstädte

Auch das ‚sichere‘ Land Schweden, das niemals unter sozialistischer Planwirtschaft gelitten hat, hat mit der Bevölkerungsabnahme in kleineren Städten Schwierigkeiten. Seit langem ist eine starke Urbanisierung in ganzen Schweden zu beobachten. Die Großstädte und ihre Randgebiete werden in der schwedische Regionalpolitik bevorzugt. Das hat zur Folge, dass Kleinstädte und ländliche Gebiete weniger Zuschüsse und Fördermittel erhalten. Ebenso wie Deutschland ist Schweden heute ein postindustrielles Land. Die schwedische Industrien sind teuer und haben großen Schwierigkeiten, im Wettbewerb mit anderen Ländern zu bestehen. Als Ersatz für die Industrie rücken jetzt schwedisches Know-How und Dienstleistungsangebote in den Fokus. Diese Veränderungen werden für den ländlichen Raum und die kleineren Städte zunehmend zum Problem. Das wachsen der Städte und Ballungsräume wird das zusätzlich beschleunigen. Viele schwedischen Städte waren vor allem in den 60er und 70er Jahre vom Hüttenwesen und vom produzierenden Gewerbe abhängig. Sie boten Arbeit und lockten Menschen in industrielle Ballungszentren. Ein gutes Beispiel dafür ist Laxå, eine kleine Stadt auf halbem Wege zwischen Stockholm und Göteborg, die fast jeder Schwede irgendwann mit dem Zug passiert hat. Seit den 70er Jahren hat der Ort mehr als 40 % seiner Einwohnern verloren.


Laxå – eine 'schrumpfende' Stadt in Schweden

Am Anfang der 40er Jahre hat das Unternehmen ESAB einen Maschinenfabrik in Laxå etabliert. ESAB produzierte unter anderen Schweißgeräte, ein Produkt, das in der wachsenden Rüstungsindustrie stark nachgefragt war. Für den Ort bedeutet das, ein rasantes Wachstum in kurzer Zeit. Den Höhepunkt seiner Wirtschaftskraft erreichte das Unternehmen 1975 mit 1200 Beschäftigten. Ende der 70er Jahren aber ließ der Absatz der Produkte des ESAB nach und die Großproduktion in Laxå lohnte sich nicht mehr. Die Anstellungen wurden langsamer weniger. Momentan gibt es nur noch 300 Mitarbeiter. Viele der farbenreichen und schnell entstandenen Wohnsiedlungen von Laxå waren für die Angestellten der ESAB bestimmt. Sie stehen heute fast vollständig leer. Die Regionalpolitiker arbeiten nun mühevoll daran, die negative Bevölkerungsentwicklung aufzuhalten. Ihr Ziel ist vor allem, eine weitere Abnahme zu verhindern. Die Stadt Laxå ist nur ein Beispiel für eine schrumpfende Stadt. In diesem Fall hängt die Entwicklung der Industrie stark mit der Einwohneranzahl der Stadt zusammen, und diese Abhängigkeit war für Laxå auf Dauer gefährlich.


Was passiert heute?

Die Stadtplanung hat in Schweden Methoden für den Ausbau, aber keine Planungen für den Rückbau. Zuerst müssen die schrumpfenden Städten den Rückgang und die Bevölkerungsabnahme akzeptieren. Danach müsste ein sorgfältiger, geplanter Rückbau stattfinden, mit Rücksicht auf die Einwohner und auf die Identität der Stadt. In Schweden schaut man heute nach Deutschland um Ideen und Lösungen zu erhalten, denn das Problem mit schrumpfenden Städten ist in Deutschland ebenso vorhanden und politisch begleitet. Die „Schrumpfende Stadt“ fand in Deutschland früher als in anderen Ländern Beachtung. Deshalb hat Deutschland länger Erfahrungen und mehr Know-How in diesen Bereich. Das Phänomen fasziniert: Es ist international sehr verbreitet und sieht in den verschiedenen Ländern und Städten oft ähnlich aus. Es bedeutet, dass die Maßnahmen die man in Deutschland verwendet, in vielen Fällen auch auf Schweden passen, was viele Politiker und Architekten auch eingesehen haben. Heutzutage finden viele Seminare und Austauschprogramme zwischen den beiden Ländern statt, um das Niveau des Wissens zu erhöhen. Schwedische Politiker und Architekten haben als letztlich die Probleme erkannt und stadtplanerisch akzeptiert, und sie können jetzt hoffentlich die Situation verändern – mit Hilfe Deutschlands.


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